Therapie

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05.08.2026

Solide Zahlen, stille Baustellen?

Solide Zahlen, stille Baustellen?

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Branchenreport Physiotherapie 2026

Der vierte Branchenreport Physiotherapie, gemeinsam erarbeitet von ETL ADVISION, dem Magazin TT-DIGI und dem Forschungsinstitut Würtenberger, liefert erstmals belastbares Zahlenmaterial für eine Branche, der es traditionell an Benchmarks fehlt. Auf Basis von 500 geführten Interviews zeigt sich: Der Umsatz stimmt, doch bei Personalstruktur, Politik und Digitalisierung liegen die eigentlichen Herausforderungen.

Wer als Praxisinhaber oder Studiobetreiber verstehen will, wo die Physiotherapie 2026 wirtschaftlich steht, konnte sich bislang kaum auf verlässliche Daten stützen. Genau hier setzt der Branchenreport an, den ETL ADVISION gemeinsam mit TT Digi und dem Meinungsforschungsinstitut Würtenberger (FIW) inzwischen zum vierten Mal herausgibt. Grundlage sind 500 telefonisch geführte Interviews, bundesweit über alle Bundesländer verteilt – bewusst als geführte Befragung statt als Fragebogenaktion, um belastbare statt beliebige Antworten zu erhalten. Christoph Soldanski, Leiter der Geschäftsstelle von ETL ADVISION in Berlin und seit 26 Jahren in der Branche aktiv, hat an der Studie mitgearbeitet und ordnet die wichtigsten Ergebnisse ein.

Umsatz und Rentabilität: Der Mitarbeiter als eigentlicher Gewinntreiber

Der durchschnittliche Jahresumsatz einer Physiopraxis liegt aktuell bei 471.000 Euro, 59 % der Praxen bewerten ihre wirtschaftliche Lage als gut oder sehr gut. Für Soldanski greift der reine Blick auf Umsatz und Kosten dennoch zu kurz. Nennenswerte Kostenfallen gebe es in der Physiotherapie kaum – im Wesentlichen bleiben mit Personal, Miete und Abschreibungen (AfA) nur drei große Positionen. Entscheidender sei die Rentabilität, also das Verhältnis von Gewinn zu Umsatz, die im Branchendurchschnitt bei knapp 30 % liegt.


115.000–120.000 €

Umsatz pro Vollzeitmitarbeiter (40-Stunden-Basis)


 Bei einer Vollzeitkraft (40 Stunden) rechnet Soldanski mit einem erwirtschafteten Umsatz von 115.000 bis 120.000 Euro – bei 30 % Rentabilität entspricht das rund 40.000 Euro Gewinn pro Vollzeitstelle für den Praxisinhaber.

„Mitarbeiter sind eigentlich das wertvollste Gut in der Praxis."

Christoph Soldanski, ETL ADVISION

Für ihn folgt daraus eine klare unternehmerische Konsequenz: Statt bei hohen Personalkosten Stellen abzubauen, sollten Praxisinhaber – gerade in Zeiten des Fachkräftemangels – den Umsatz je bestehendem Mitarbeiter steigern.

Rechtsformen im Wandel: Der Trend zur Personengesellschaft

Nach wie vor sind 68,4 % der Praxen Einzelunternehmen – weiterhin die mit Abstand häufigste Rechtsform. Doch der Trend zeigt klar in Richtung Personengesellschaft: Die Anteile, die Einzelunternehmen in den vergangenen drei Jahren verloren haben, sind nahezu eins zu eins zu GbR-ähnlichen Konstellationen gewandert. Kapitalgesellschaften, vor allem die GmbH, verharren dagegen stabil bei 5,8 %.

Als Treiber sieht Soldanski vor allem Neugründungen: Immer häufiger starten zwei Personen gemeinsam – etwa zwei Therapeuten oder ein Therapeut gemeinsam mit einer betriebswirtschaftlich orientierten Person. Wer zu zweit gründet, plant nach seiner Beobachtung oft von vornherein größer und mit klarerem Wachstumsfokus. Ob im Einzelfall eine Kapitalgesellschaft sinnvoll ist, bleibe jedoch eine sehr individuelle Entscheidung, die eng mit dem Steuerberater abgestimmt werden sollte.

Inflation, Vergütung und das neue Beitragssicherungsgesetz

Die Inflation belastet zwar auch physiotherapeutische Praxen, wurde in den vergangenen Jahren aber durch vergleichsweise auskömmliche Vergütungsabschlüsse im Bereich der gesetzlichen Krankenversicherung (GKV) – die je nach Region 75 bis 85 % des Umsatzes ausmacht – weitgehend kompensiert. Für 2026 steht einer Inflation von 2,3 % (Stand Juni) eine Gebührenerhöhung von 2,49 % gegenüber.

Mit Blick nach vorn sieht Soldanski jedoch neue Unsicherheit: Mit dem kürzlich beschlossenen Beitragssicherungsgesetz wird die Gebührenentwicklung wieder stärker an die Grundlohnsumme gekoppelt – ein Mechanismus, der in der Vergangenheit zu deutlich niedrigeren Abschlüssen führte. Verbände wie VPT und SHV positionieren sich bereits gegen die Neuregelung. Zusätzlich soll die Zuzahlung pro Verordnung von 10 auf 15 Euro steigen, was Patienten spürbar treffen dürfte – auf die ohnehin gut gefüllten Wartelisten der Praxen wird sich das nach Einschätzung von Soldanski aber kaum auswirken.

Teilzeit als neue Normalität

Zwar ist die Zahl der Praxen und Beschäftigten leicht gestiegen, die tatsächliche Arbeitszeitkapazität pro Praxis sinkt jedoch weiter: Das durchschnittliche Vollzeitäquivalent ist von 4,4 auf 4,24 zurückgegangen.


52 % der Beschäftigten in der Physiotherapie arbeiten in Teilzeit


 Mehr als jede zweite Person in der Physiotherapie arbeitet inzwischen in Teilzeit – häufig bereits von Beginn der Anstellung an. Wirtschaftlich bedeutet das andere Lohnnebenkosten-Strukturen, wenn ein Umsatz auf mehrere Teilzeitkräfte statt auf wenige Vollzeitstellen verteilt wird. Als mögliche Ursachen nennt Soldanski ein Bündel an Faktoren: veränderte Erwartungen an Work-Life-Balance, familiäre Verpflichtungen, aber auch die hohe körperliche und psychische Belastung des Berufs. Er verweist zugleich auf den Stellenwert einer guten Praxisorganisation – etwa durch ergänzende Angebote jenseits der klassischen Behandlung –, um Therapeuten zu entlasten und die Attraktivität als Arbeitgeber zu erhöhen.

Selbstzahlerbereich: Attraktiv, aber kein Selbstläufer


86,8 % der Praxen bieten Selbstzahlerleistungen an


 Fast neun von zehn Praxen bieten mittlerweile Selbstzahlerleistungen an, viele investieren gezielt in Therapie- und Trainingsgeräte. Ein Muss sei eine eigene Trainingstherapiefläche dennoch nicht für jede Praxis, betont Soldanski – manche Inhaber setzen bewusst allein auf die verordnete Therapie. Wer sich jedoch für den Ausbau entscheidet, dürfe das Vorhaben nicht unterschätzen.

„Das ist kein No-Brainer für Physios, so ein Selbstläufer, den ich mal irgendwo einrichte."

Christoph Soldanski

❯ Finanzierung: Der Großteil der Branche investiert weiterhin über Eigenkapital; reine Fremdfinanzierung bleibt mit rund 0,2 % die Ausnahme.

Digitalisierung und KI: Offen, aber unsicher

Die eigentlich für 2026 vorgesehene Pflicht zum Anschluss an die Telematikinfrastruktur (TI) wurde auf Oktober 2027 verschoben – für viele Praxen zunächst eine Entlastung, am grundsätzlichen Digitalisierungsdruck ändert das jedoch nichts.


47 % / 41 % sehen keinen Mehrwert in der Digitalisierung – sagen aber, KI in der Verwaltung sei (vielleicht) sinnvoll


 Laut Report sehen 47 % der Praxen aktuell keinen Mehrwert in TI und Digitalisierung, ein weiterer Teil fühlt sich schlicht nicht ausreichend informiert. Gleichzeitig sagen 41 % der Befragten, der Einsatz von KI in administrativen Aufgaben sei sinnvoll oder zumindest möglicherweise sinnvoll. Für Soldanski ist das kein Widerspruch, sondern ein Hilferuf: Die Branche sei grundsätzlich offen, brauche aber Unterstützung bei der konkreten Umsetzung.

„Die warten darauf, tatsächlich abgeholt zu werden."

Christoph Soldanski

Verantwortlich sieht er dafür ein Zusammenspiel aus Verbänden, Industrie und Steuerberatern – auch die ADVISION-Kanzleien informierten aktiv, um Praxen für TI und KI zu gewinnen und die administrative Belastung spürbar zu senken.

Fazit: Der Gewinn entsteht über die Mitarbeiter

Für Soldanski läuft die zentrale Botschaft des Reports auf einen Punkt zusammen: Wirtschaftlicher Erfolg entsteht nicht über Kostenkontrolle, sondern über die Mitarbeiter, die den Gewinn erwirtschaften. Wer als Praxisinhaber attraktive Angebote für sein Team schafft und selbst aktiv unternehmerisch handelt, kann nach seiner Einschätzung auch unter den aktuellen politischen Rahmenbedingungen gut von der Selbständigkeit leben.

Der Branchenreport Physiotherapie 2026 steht als kostenfreier Download zur Verfügung und lädt Praxisinhaber ausdrücklich dazu ein, die eigenen Zahlen mit den Benchmarks zu vergleichen.

Der Branchenreport

Der vollständige Branchenreport Physiotherapie 2026 steht kostenfrei zum Download bereit unter studie-physiotherapie.de sowie auf etl-advision.de und der Website von TT Digi.


Der Podcast

Die ausführlichen Insights und Hintergründe zum Report erfahren Sie in Folge 182 von Hashtag Fitnessindustrie mit Christoph Soldanski (ETL ADVISION).

 


Zum Autor

Andreas M. Bechler ist Autor, Berater, Dozent und Podcaster in der Fitnessbranche. Mit seinem Podcast „Hashtag Fitnessindustrie" verfolgt er das Ziel, einen Wissenstransfer zwischen den Interviewgästen und den Zuhörern zum Nutzen der gesamten Branche zu ermöglichen. Aktuelle Trends und Entwicklungen sind ebenso Teil des Podcasts wie grundsätzliche strategische Fragen aus dem Tagesgeschäft von Fitness- und Therapieanbietern.


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